Was geschieht, wenn KI die Narrative unseres Lebens fortschreibt?
Die interaktive KI-gestützte Installation Archive of Possible Lives von Florian Mehnert ist ein künstlerisches Forschungsprojekt an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Biografie und gesellschaftlicher Imagination. Es sammelt nicht die Vergangenheit, sondern das Mögliche: alternative Biografien, nicht getroffene Entscheidungen und Wege, die ein Leben hätte nehmen können. In einer Gegenwart, in der generative Systeme zunehmend Texte, Bilder und Selbstbeschreibungen hervorbringen, fragt die Arbeit danach, wie sie unser Verständnis von Identität prägen. Künstliche Intelligenz beschreibt die Welt durch Wahrscheinlichkeiten. Was plausibel klingt, kann beginnen, wie Erinnerung zu wirken. Als eine begehbare Hypothese darüber, wer wir gewesen sein könnten, macht die Installation diese Verschiebung körperlich erfahrbar.
Der Besucher hat die Möglichkeit, nach der Eingabe eines Namens den Weg durch die Archivschränke zu begeben. Schritt für Schritt kann man sechs Schubladen öffnen, die KI-generierte Fragmente eines möglichen Lebens enthalten: eine Spur von etwas, das nie geschehen ist, eine Entscheidung, die hätte getroffen werden können, oder ein Leben, das hätte gelebt werden können. Folgende Abschnitte erwarten einen: Kindheit, Selbstwahrnehmung, Beziehungen, Entscheidungen, ein anderes Mögliches Leben und die Zukunft.
So entsteht ein persönliches Archiv ungelebter Möglichkeiten und die KI wird zu einem spekulativen Gegenüber, das eine Biografie aus Wahrscheinlichkeiten statt aus Erinnerung fortschreibt.
Am Ende wartet auf die Besucher ein Umschlag mit der Karte “Die Wahrheit ist in dir”. Sie liefert keine Gewissheit, sondern wirft die Biografie an die Besucher zurück: Was wirkt stimmig, was ist Projektion, was ist falsch – und warum kann eine maschinell erzeugte Aussage dennoch Wiedererkennen auslösen? Hier wird Wahrheit zwischen maschineller Behauptung, gelebter Erfahrung und kritischer Selbstprüfung ausgehandelt.
Hinter dieser sichtbaren Ordnung verbirgt sich eine Erzählmaschine bestehend aus einem vernetzten System aus Sensoren, Thermodruckern und einem lokal betriebenen Sprachmodell. Jede Interaktion mit dem Archiv erzeugt eine individuelle biografische Sequenz in Echtzeit. Es wird keine persönliche Biografie aus einer Datenbank abgerufen, sondern die Erzählung entsteht erst während der Begegnung des Besuchers mit dem Kunstwerk.
Generative KI wirkt zunehmend daran mit, wie Leben interpretiert, bewertet und vorgestellt werden. Wenn Systeme Empfehlungen, Prognosen und Beschreibungen erzeugen, die Zugang, Sichtbarkeit und Chancen beeinflussen, ist ihre Funktionsweise nicht länger abstrakt. Ein mögliches Leben kann zu einer administrativen Entscheidung werden. Die Installation fragt, welche Geschichten aus unseren Daten entstehen, welche Möglichkeiten geöffnet oder geschlossen werden und wie sich unser Selbstbild verändert, wenn eine Maschine am Schreiben von Biografie mitwirkt.